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Straßennamen: die Stresemannallee in Hamburg - Beyond Historys neue Adresse

Avatar of Andrea Bentschneider Andrea Bentschneider - 21. Januar 2018 - Allgemein, Hamburg, Persönlichkeiten, Wissen

Falls Sie es noch nicht mitbekommen haben, wir sind im Dezember 2017 mit unseren Büros innerhalb Hamburgs umgezogen. Vom Cheruskerweg (lesen Sie hierzu mehr bei Abenteuer Ahnenforschung) in die Stresemannallee. Damit befinden wir uns gleich um die Ecke von der Firma Beiersdorf, zu deren Geschichte wir bereits im ersten Teil unserer Serie zu Straßennamen, erzählt haben. Die Firma befindet sich noch heute in der Troplowitzstraße, die nach dem späteren Eigentümer des Unternehmens, Oscar Troplowitz, benannt ist.

Auch die Stresemannallee erinnert an eine bekannte Persönlichkeit, den Politiker Gustav Stresemann.

 

Der wirtschaftliche Interessenvertreter Gustav Stresemann

Die Nähe zu Beiersdorf aber auch anderen Firmen wie Nexperia ist aber passend. Denn der deutsche Politiker, der als eine der wichtigsten politischen Persönlichkeiten der Weimarer Republik bezeichnet werden könnte, begann seine Karriere als industrieller Interessenvertreter. 1878 in Berlin geboren, arbeitete Stresemann nach dem Studium unter anderem beim Verband deutscher Schokoladenfabrikanten, im Bund der Industriellen (BDI) sowie im Verband sächsischer Industrieller, an dessen Gründung er beteiligt war. 1914 gründeten der Hamburger Albert Ballin, der Generaldirektor der HAPAG (lesen Sie hier unseren Blogbeitrag zur Neueröffnung der „BallinStadt“ in Hamburg 2016), und Stresemann gemeinsam mit anderen deutschen Wirtschaftsgrößen den Deutsch-Amerikanischen Wirtschaftsverband. In diesem war Stresemann bis 1923 geschäftsführendes Präsidialmitglied.

 

Der Politiker Gustav Stresemann

Stresemann trat 1903 der Nationalliberalen Partei bei. Als nach dem Ersten Weltkrieg 1918 die Deutsche Demokratische Partei (DDP) gegründet wurde, stellte Stresemann ihr die Deutsche Volkspartei (DVP) gegenüber, deren Vorsitzender er wurde. Zwar lehnte Stresemann den Versailler Vertrag ab, er war jedoch der Ansicht, dass sich nur auf dessen Grundlage deutsche Interessen durchsetzen lassen würden. Die verbliebene Wirtschaftskraft begriff er als einzige noch bestehende Machtquelle Deutschlands. Daher betrieb er eine Verständigung mit den Westmächten und insbesondere Frankreich.

1923 wurde er für kurze Zeit Reichskanzler. Seine Amtszeit fiel in eine schwierige Zeit der Hochinflation und innenpolitischen Radikalisierung. Anschließend übernahm er den Posten des Reichsministers des Auswärtigen, den er bis zu seinem Tod 1929 ausübte. Unter anderem wirkte er 1924 an der Annahme des Dawes-Planes mit, der die Reparationszahlungen neu regelte. 1925 war er maßgeblich an der Aushandlung der Verträge von Locarno beteiligt, die die Grenzen zwischen Deutschland, Frankreich und Belgien sowie gegenseitigen Gewaltverzicht und den Beitritt Deutschlands zum Völkerbund festschrieben. 1926 erhielten Gustav Stresemann und sein französischer Amtskollege Aristide Briand für ihre Versöhnungsarbeit den Friedensnobelpreis.

 

Ein „Stresemann“ zum Anziehen

Nicht nur diverse Straßen in ganz Deutschland sind nach Gustav Stresemann benannt, auch ein Anzug trägt seinen Namen. Der „Stresemann“ ist ein Tagesanzug, der bis etwa 17 Uhr zu förmlichen Anlässen getragen wird. Er ähnelt dem US-amerikanischen „Stroller“ und bestand ursprünglich aus einer schwarz-grau gestreiften Hose, einem einreihigen schwarzen Jackett, einer schwarzen Weste, einem weißen Hemd und einer Krawatte. Später wurden oft auch eine hellgraue Weste und eine silberne Krawatte gewählt.

Aber wie kam es zu der Anzugkombination? Anfang des 20. Jahrhunderts war es üblich, zu formellen Staatsanlässen den englischen Cutaway zu tragen. Dieser eignete sich aufgrund seiner Förmlichkeit jedoch nicht für den normalen Büroalltag. Gustav Stresemann soll es Leid gewesen sein, ständig den Anzug zu wechseln, daher tauschte er im Büro einfach das Jackett gegen ein weniger förmliches und kürzeres aus. Erstmals soll Gustav Stresemann die Kombination 1925 getragen haben, als die Verträge von Locarno verhandelt und unterzeichnet wurden.

In Deutschland wurde der „Stresemann“ schnell populär. In der frühen Bundesrepublik war er bei Staatsempfängen so beliebt, dass er auch „Bonner Anzug“ genannt wurde. Getragen wurde er beispielsweise von Theodor Heuss oder Konrad Adenauer. Heute spricht man hingegen wieder eher vom „Stresemann“.

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