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Sind wir hier wirklich in Hamburg? Die Insel Neuwerk

Avatar of Heike Leiacker Heike Leiacker - 20. August 2017 - Allgemein, Hamburg, Wissen

Mehr als 100 km nordwestlich von Hamburg befindet sich der Stadtteil Neuwerk, der organisatorisch zum Bezirk Hamburg-Mitte gehört. Nur knapp 40 Menschen leben auf der ca. 3 km2 großen Insel Neuwerk an der Elbmündung. Trotz ihrer Lage gehört sie (mit kurzen Unterbrechungen) bereits seit über 700 Jahren zur Hansestadt. Zugehörig sind auch die beiden unbewohnten Nachbarinseln Scharhörn und Nigehörn.

Die Inseln liegen im Zentrum des Nationalparks Hamburgisches Wattenmeer, der mit 13.750 Hektar der kleinste der drei deutschen Wattenmeer-Nationalparks ist. Von der niedersächsischen Küste aus kann Neuwerk bei Ebbe zu Fuß oder auf einem Wattwagen erreicht werden. Im Sommer gibt es zudem eine tägliche Schiffsverbindung von Cuxhaven.

 

Die Geschichte der Insel Neuwerk

Wie kommt Hamburg zu einem so idyllischen, entlegenen Stadtteil? Das hängt eng mit Neuwerks historisch strategischer Bedeutung für die Schifffahrt und damit für die Hanse zusammen. Die besonders für den Hamburger Handel wichtige Elbmündung musste zum einen vor Seeräubern geschützt werden und war zudem aufgrund der vielen Sandbänke gefährlich. 1299 erwarb Hamburg das Recht, auf der Insel, die damals als „Nige O“ oder „Nige Oog“ („Neue Insel“) bezeichnet wurde, einen Wehrturm zu errichten, der gleichzeitig als Seezeichen dienen sollte. Zwischen 1300 und 1310 wurde er unter finanzieller Beihilfe Lübecks erbaut. Damit ist der Turm eines der ältesten Bauwerke Hamburgs. Er wurde als „Nige Werk“ („Neues Werk“) bezeichnet, wovon sich der heutige Name der gesamten Insel ableitet. Seit 2014 dient der Turm nicht mehr als Seezeichen für Schiffe, sondern nur noch als Aussichtsplattform, Hotel und Gaststätte.

 

Nicht weit entfernt befindet sich der Friedhof der Namenlosen, der bereits 1319 durch einen Bischof geweiht wurde. Hier wurden bis 1928 Seefahrer bestattet, die bei Neuwerk an Land gespült wurden. Heute werden Verstorbene auf das Festland überführt. Entlang der Nordsee hatten früher viele Orte und Inseln einen solchen Friedhof.

Die Ersten Bewohner Neuwerks waren die Bewacher des Turms. Die Insel wurde aber schon früher von Kaufleuten aus Bremen, Stade und Hamburg als Fischumschlagplatz aufgesucht. Bald nach Turmerrichtung wurden vermutlich erste Stallgebäude erbaut. Eine richtige, dauerhafte Besiedlung der Insel war aber erst nach der Eindeichung (1556-1568) möglich. Nun konnte auch Ackerwirtschaft betrieben werden. 1572 wurden drei Erbpachthöfe von Hamburg vergeben, 1575 durften zudem zwei Fischerfamilien auf die Insel ziehen. Erst im 18. Jahrhundert konnten die Pachthöfe als Eigentum erworben werden. Sie wurden aber auch danach größtenteils innerhalb der Familie vererbt. Die Bevölkerungszahl der Insel stieg, wohl auch aufgrund der harten  Lebensbedingungen und der immer wieder große Schäden anrichtenden Sturmfluten, meist nicht über 50.

Bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde Neuwerk touristisch erschlossen. Ab 1905, als das erste Hotel eröffnet wurde, diente es als Erholungsort und Seebad. Ab den 1960er/70er Jahren hat der Tourismus die Landwirtschaft als Haupteinnahmequelle abgelöst. Heute wird die kleine Insel jährlich von etwa 100.000 Touristen besucht.

 

Verwaltungstechnisch gehörte Neuwerk ab 1394 zum neu gegründeten Amt Ritzebüttel auf dem gegenüberliegenden Festland. Nach einem Angriff auf die Insel hatten die Edelherren Lampe ihre dortige Grundherrschaft an Hamburg abtreten müssen. Unter französischer Herrschaft gehörte das Amt Ritzebüttel gemeinsam mit Neuwerk von 1811 bis 1814 zum Département des Bouches de l’Elbe. 1813 wurden die Neuwerker von der Insel vertrieben, weil sie mit Engländern zusammengearbeitet hatten. Nach dem Abzug der Franzosen 1814 bezogen sie aber wieder ihre Insel. 1872 wurde Ritzebüttel mit der Hafensiedlung Cuxhaven zur hamburgischen Landgemeinde Cuxhaven vereinigt und 1935 wurde auch Neuwerk eingemeindet.

Im Jahr 1937 gab Hamburg im Rahmen des Groß-Hamburg-Gesetzes seine Gebiete in Cuxhaven inklusive Neuwerk ab und erhielt dafür unter anderem Altona und Wilhelmsburg. Neuwerk gehört damit zu Preußen und nach dem Zweiten Weltkrieg zu Niedersachsen. Hamburg hatte sich jedoch die Rechte an den Cuxhavener Häfen vorbehalten. Diese wurden erst 1993 endgültig aufgegeben, nachdem Hamburg bereits 1969 im Gegenzug die Inseln Neuwerk und Scharhörn sowie das umliegende Wattgebiet zurückerhalten hatte.

 

Der Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte der Neuwerker Insellehrer Heinrich Gechter die Bedeutung Scharhörns für die Brut und Rast von Seevögeln erkannt und sich für einen dauerhaften Schutz des Gebiets eingesetzt. 1939 wurde dort ein Schutzgebiet für Seevögel eingerichtet. Dieses wurde später erweitert und Schutzgebiete auf der Insel Neuwerk kamen hinzu. Diese wurden noch einmal erweitert nachdem Schleswig-Holstein und Niedersachens 1985/86 ihre Teile des Wattenmeers als Nationalparks ausgewiesen hatten.

Im Jahr 1990 wurde der Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer eingerichtet und ersetzte die vorherigen Natur- und Landschaftsschutzgebiete. Seit 2011 gehört das Hamburgische Wattenmeer zum UNSESCO-Welterbe „Naturerbe Wattenmeer“, das sich über 500 km entlang der Küstenlinie der Niederlande, Deutschlands und Dänemarks erstreckt.

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