Beyond History Blog

Mein lieber Schwan

Avatar of Andrea Bentschneider Andrea Bentschneider - 18. November 2015 - Allgemein, Alte Bräuche, Hamburg, Historische Ereignisse

Als Hamburger geht man am Wochenende an der Alster spazieren. Man könnte auch an die Elbe fahren. Aber als Hamburger ist man entweder Alster- oder Elbgänger, HSV- oder Pauli-Fan. Auch bei beim Wohnverhalten gibt es eine klare Unterscheidung, ein striktes „Rechts-“ oder „Links-der-Alster“.

Auch wenn es so aussieht: Außen- und Binnenalster sind kein See, sondern ein Nebenfluss der Elbe, der zur Trockenlegung des umliegenden Marschlands aufgestaut wurde. Unsere Großeltern haben als Kinder dort noch gebadet. Heute kann man das niemandem mehr empfehlen – nicht nur wegen der Gefahr mit einem Boot zu kollidieren. Zwar hat die Alster im Allgemeinen eine gute Wasserqualität, doch schwimmt an manchen Stellen Unrat herum. Wenn Sie also Alsterwasser wollen, bestellen Sie es sich besser in Ihrer Lieblingskneipe. Das Bier-Mischgetränk wird Sie geschmacklich nicht enttäuschen. 

Die Alster hingegen genießen Sie lieber optisch – das Wasser, die Dampfer und die Schwäne. Mit den Schwänen hat es übrigens auch so seine Bewandtnis: Die Alsterschwäne werden seit Jahrhunderten gehegt und gepflegt. Schon Ende des 16. Jahrhunderts stellte die Hansestadt Gerste und Hafer zur Verfügung. Selbst in Zeiten von Hungersnot bekamen sie tägliche Ration Getreide. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts hat Hamburg sogar einen so genannten „Schwanenvater“, der sich um die Tiere – 170 Schwäne sind es wohl ungefähr – kümmert. Sie verbringen Frühjahr und Sommer auf der Alster. 

Im späten Herbst, wenn es draußen ungemütlich zu werden beginnt, treibt der Schwanenvater seine Schützlinge jedoch zusammen, greift sich die Tiere und bringt sie per Boot in ihr Winterquartier am Eppendorfer Mühlenteich. Hier überwintern Hamburgs lebende Wahrzeichen zusammen mit anderen Wasservögeln auf einem eisfreien Stück Gewässer. Sind sie krank oder verletzt, werden sie auf der Krankenstation versorgt. Das geschieht aus jahrhundertalter Tradition seit den Zeiten der Hanse. Zwischen Mitte des 12. und Mitte des 17. Jahrhunderts war die Hanse eine einflussreiche Vereinigung niederdeutscher Kaufleute. Ihr Ziel: Sie sorgten gegenseitig für die Sicherheit auf den Handelswegen und nahmen gemeinsame wirtschaftliche Interessen wahr - besonders im Ausland. In diesen Zeiten waren die Stadtväter der Überzeugung, dass Hamburg Hansestadt bliebe, solange es die Alsterschwäne gäbe. Sie sind demnach ein politisches Symbol der Unabhängigkeit Hamburgs vom Deutschen Reich. Sie waren der Hanse so viel „wert“, dass sie die Belästigung der Tiere 1664 unter Strafe stellte.

Ärgern Sie die Tiere also bloß nicht. Juristisch kann Ihnen zwar nicht viel passieren. Aber die Schwäne sind ziemlich schnell und zwicken vorwitzige Passanten auch schon mal. Das kann schmerzhaft sein.

Auch andere Städte haben übrigens Tiere zu ihren Wahrzeichen erkoren. Denken wir an die Raben im Tower von London. Schon seit Jahrhunderten werden dort mindestens sechs Kolkraben gehalten, um deren Wohl sich ein Ravenmaster kümmert. Nicht immer war dies allerdings selbstverständlich, Karl II. befahl einst, die Tiere zu töten - er empfand sie als Plage. Zudem hatte sich sein Astronom John Flamsteed über den Vogelkot auf seinem Teleskop beschwert. Als King Karl allerdings die Legende zu Ohren kam, dass die Monarchie und damit das gesamte Königreich zugrunde gehen würden, sollten die Raben jemals den Tower verlassen, änderte er seine Meinung bezüglich der Raben ganz schnell. Und so sind sie bis zur heutigen Generation erhalten.

Bildquelle: plixs.com/images/swan-on-lake-11380.html

Die Kommentarfunktion ist für diesen Artikel deaktiviert.

0 Kommentare