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Der Tag der Arbeit und die Rolle eines deutschen Einwanderers

Avatar of Heike Leiacker Heike Leiacker - 01. Mai 2020 - Allgemein, Auswanderung, Feiertage, Historische Ereignisse, Persönlichkeiten, Wissen

Jedes Jahr am 01. Mai wird in vielen Ländern der Tag der Arbeit in unterschiedlicher Weise begangen. Doch woher kommt diese Tradition überhaupt, warum war ein Deutscher in Chicago, Illinois (im Übrigen einer Partnerstadt Hamburgs) mitverantwortlich für die Einführung an diesem Tag und warum feiern dann ausgerechnet die US-Amerikaner ihren „Labor Day“ an einem anderen Tag?

 

Was ein Deutscher mit der Einführung des 01. Mais als Tag der Arbeit zu tun hat

August Vincent Theodor Spies wurde am 10. Dezember 1855 in Friedewald, Hessen geboren. Er war der älteste Sohn eines Försters. Nach dem Tod des Vaters verschlechterte sich die finanzielle Situation der Familie so dramatisch, dass sich der 17-Jährige gezwungen sah, in die USA auszuwandern wo bereits Familienangehörige lebten (Mehr zu den Gründen für Auswanderungen aus Deutschland können Sie hier nachlesen). 1872 kam er in New York an und begann eine Lehre im Möbelbau. Bereits im folgenden Jahr zog er nach Chicago wo er sich 1876 selbstständig machte und anschließend seine Mutter und die jüngeren Geschwister in die USA holen konnte.

Obwohl es für ihn in der „Neuen Welt“ also gut lief, interessierte er sich für die Arbeiterbewegung und trat 1877 der Sozialistischen Arbeiterpartei von Nordamerika sowie anschließend der bewaffneten Arbeiterorganisation „Lehr- und Wehrverein“ bei. 1880 wurde er zum Herausgeber und Geschäftsführer der deutschsprachigen sozialistischen„Chicagoer Arbeiter-Zeitung“ und war zudem von 1884 bis 1886 deren Chefredakteur. Er wurde so zu einem der Sprecher der Arbeiterbewegung in Chicago.

Anfang 1886 rief die nordamerikanische Arbeiterbewegung zum Generalstreik am 01. Mai des Jahres auf. Es sollte um die Durchsetzung des 8-Stunden-Tages gehen. Der 01. Mai war in den USA traditionell der „movingday“, also der Tag, an dem viele Arbeitsverträge endeten oder abgeschlossen wurden. Entsprechend kam es häufig zu einem Wechsel der Arbeitsplätze (und damit teilweise auch der Wohnorte). Angeblich bezog sich das gewählte Datum zudem auf erfolgreiche Proteste zum gleichen Thema in Australien in den 1850er Jahren.

Tatsächlich kam es am 01. Mai 1886 zu Massenstreiks und Demonstrationen in den USA. Auch in Chicago war der 8-Stunden-Tag bereits zuvor ein Thema. Es war unter anderem den Kampagnen der Arbeiter-Zeitung unter August Spies zu verdanken, dass sich viele Menschen anschlossen und die Firmen weniger Ersatzarbeiter fanden als üblich.

Auf den 01. Mai 1886 folgten mehrtägige Streiks und am 03. Mai auch gewalttätige Auseinandersetzungen, bei denenArbeiter getötet wurden. Am folgenden Tag gab es eine Protestkundgebung gegen das brutale Vorgehen der Polizei, zu der auch August Spies in seiner Zeitung aufgerufen hatte und auf der er sprach. Gegen Ende der Veranstaltung explodierte eine Bombe woraufhin die Polizei in die Menge schoss. 7 Polizisten und mehrere Arbeiter (wie viele wurde nie ermittelt) starben, viele wurden verletzt. Die Auseinandersetzungen gingen als „Haymarket affair“ oder „Haymarket riots“ in die US-Geschichte ein.

Die tatsächlichen Schuldigen für den Bombenanschlag wurden nie gefasst, allerdings wurden 8 unbequemeStreik-Organisatoren und Redner angeklagt - darunter auch August Spiesund weitere Deutsche. 7 von Ihnen wurden zum Tode verurteilt, Oscar Neebe (geboren 1850 in New York als Sohn deutscher Einwanderer) zu einer Haftstrafe. Die Todesstrafen von Samuel Fielden (geboren 1847 in Todmorden, England) und Michael Schwab (geboren 1853 in Bayern) wurden vor der Vollstreckung in lebenslange Haft umgewandelt. Louis Lingg (geboren 1864 in Baden) beging vor der Vollstreckung des Todesurteils Selbstmord.Die restlichen 4, August Spies, Albert Richard Parsons (geboren 1848 in Montgomery, Alabama), Georg Engel (geboren 1836 in Kassel) und Adolph Fischer (geboren in Bremen), wurden am 11. November 1887 durch Erhängen hingerichtet. Bereits 1893 annullierte der ebenfalls deutschstämmige damalige GouverneurJohn Peter Altgeld das Urteil. Die drei noch lebenden Verurteilten wurden freigelassen.

1889 wurde auf dem Gründungskongress der Zweiten Internationale (Vereinigung sozialistischer Parteien) in Paris zum Gedenken an die Opfer des Haymarketriot der 01. Mai als internationaler „Kampftag der Arbeiterbewegung“ ausgerufen. Erstmals begangen wurde dieser Tag 1890 mit Massenstreiks und -demonstrationen weltweit.

 

Die Entwicklung in Deutschland

Ein Feiertag war der 01. Mai 1890 natürlich noch nicht. Vielmehr mussten die Teilnehmenden mit Sanktionen rechnen. Dennoch beteiligten sich auch Arbeiterinnen und Arbeiter in Deutschland an Streiks und Demonstrationen. Der Tag etablierte sich auch in den Folgejahren als Festtag der Arbeiterbewegung, aber erst 1919 gab es einen ersten Vorstoß, ihn zu einem Feiertag zu erklären. Allerdings gelang dies nur für das Jahr 1919 selbst, für eine unbefristete Festsetzung gab es keine Mehrheit.

Erst 1933 wurde der 01. Mai als sogenannter „Tag der nationalen Arbeit“ in Deutschland zum gesetzlichen Feiertag bei voller Lohnfortzahlung. Der Tag wurde durch die Nationalsozialisten instrumentalisiertund diente alsKulisse für propagandistische Paraden, Aufmärsche und Leistungsschauen. Bereits am 02. Mai 1933 wurden im gleichen Zug die Gewerkschaften in Deutschland gleichgeschaltet, ihre Vermögen beschlagnahmt und viele Funktionäre festgenommen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Feiertag durch die Alliierten bestätigt, Kundgebungen durften vorerst jedoch nur eingeschränkt durchgeführt werden. Bis heute ist der 01. Mai in ganz Deutschland ein Feiertag. Während in der BRD vor allem Gewerkschaften zu Kundgebungen aufriefen, wurde der 01. Mai in der DDR als „Internationaler Kampf- und Feiertag der Werktätigen für Frieden und Sozialismus“ mit aufwendigen Paraden als staatliches Ritual begangen.

Bis heute ruft der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) am 01. Mai zu Kundgebungen (Maikundgebungen) auf, häufig begleitet von einem kulturellen Programm. Im Jahr 2020 ist dies zum ersten Mal seit 1949 aufgrund der Corona-Krise leider nicht möglich, es gibt aber ein Online-Angebot: Ab 11 Uhr wird eine Live-Sendung u.a. über die Webseite gestreamt.

 

Der Labor Day in den USA

Obwohl der Tag der Arbeit am 01. Mai in den USA seinen Anfang nahm, wird er ausgerechnet dort nicht an diesem Tag gefeiert. Aber warum?

Auch hier liegt der Ursprung des Tages in der Achtstunden-Bewegung in den USA. 1882 kam die Idee auf, eine Feier zu veranstalten, an dem jeder Arbeiter teilnehmen können sollte. Am 05. September 1882 fand dann in New York eine Demonstration mit anschließendem Picknick im Elm Park statt. Die Idee griff um sich und wurde in den folgenden Jahren in immer mehr Städten umgesetzt. Seitdem wird der Labor Day immer am ersten Montag im September gefeiert und ist seit 1894 ein gesetzlicher Feiertag.

Der Grund aus dem am ersten Montag im September festgehalten wurde hat sicherlich auch damit zu tun, dass es sich um den weniger kontroversen Tag handelte. Das Gedenken an die Haymarket Affäre hätte die sozialistische und anarchistische Bewegung weiter stärken können, so die Angst.

 

Falls Sie sich für weitere Informationen zur Geschichte des 01. Mai interessieren, finden sich viele interessante Quellen auf den Seiten der Friedrich-Ebert-Stiftung sowie in Bezug auf die Rolle von Albert Spies ein interessanter Artikel der ZEIT.

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