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Auswanderung aus Deutschland: Das Wandern ist des Müllers Lust? Gründe für die Auswanderung und formale Bedingungen für die Ausreise

Avatar of Andrea Bentschneider Andrea Bentschneider - 11. April 2020 - Allgemein, Auswanderung, Historische Ereignisse, Wissen

Globalisation ist eines der Wörter, die in den letzten Jahren in aller Munde waren. Durchaus zu Recht wie der Corona-Virus beweist, der sich wegen der engen wirtschaftlichen und touristischen Verflechtung aller Länder, kurz: durch jede Art von Reiseverkehr, wahnsinnig schnell in allen Teilen der Welt ausbreiten konnte.

Aber das die ganze Welt miteinander verknüpft ist und Geschehnisse auf der anderen Seite der Weltkugel Auswirkungen auf andere Erdteile haben, das ist dann doch nichts Neues. Ein Ausbruch des Mount Tambora auf einer der indonesischen Kleinen Sunda-Inseln im Jahr 1815 ging als der heftigste Vulkanausbruch der Menschheit in die Geschichte ein und hatte massive Auswirkungen auf das Klima weltweit. Sie sind skeptisch? Erinnern Sie sich an den Vulkanausbruch des Eyjafjallajökull auf Island in 2010? Allein dessen vergleichsweise geringe Aschewolken führten zum Zusammenbruch des europäischen Luftverkehrs. Mount Tambora’s Ausbruch sorgte dafür, dass im Jahr 1816, dem „Jahr ohne Sommer“ und noch einige Jahre danach, riesige Ernteeinbußen und Viehsterben auf der gesamten nördlichen Erdhalbkugel zu beklagen waren. In Süddeutschland und der Schweiz schneite es noch im Juli, in Quebec in Kanada auch noch im August. Es folgte die größte Hungersnot des 19. Jahrhunderts. Dies war sozusagen der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brauchte, nachdem Europa bereits eine schwere, von Kriegen geprägte Zeit, Revolutionen und Besatzungen hinter sich hatte. Gerade erst 1815 waren die napoleonischen Truppen abgezogen. Zahlreiche Hungerleidende packten ihre Sachen in der Hoffnung auf ein besseres Leben, zunächst meist mit dem Ziel Bessarabien (das heutige Moldawien, damals Teil des russischen Kaiserreiches). Die Steuerlast und das in einigen deutschen Gebieten herrschende Prinzip der Erbteilung (nach dem das vererbte Stück Land immer gleichmäßig unter allen Erben aufgeteilt wurde und nach ein paar Generationen nicht mehr viel für die Einzelnen übrig war) verschlimmerten die Situation zusätzlich. Noch bis circa 1842 wanderte vor allem eine bäuerlich geprägte Bevölkerung in Bessarabien ein, die zumeist aus den südwestdeutschen und ostpreußischen Gebieten stammte. Viele Auswanderer hatten neben den wirtschaftlichen Gründen, also der Flucht vor Armut und Hunger, auch im Sinn, sich unliebsamen politischen Verhältnissen zu entziehen, oder suchten einen Ort, an dem sie ihren Glauben frei leben konnten.

Die wirklich große Auswanderungswelle setzte aber zwischen 1845 und 1855 ein und hatte ein anderes Ziel: Nordamerika, insbesondere die USA. Gründe hierfür war unter anderem eine anhaltende Wirtschaftskrise und politisch unruhige Zeiten, wie die Märzrevolution 1848 mit den darauffolgenden Jahren reaktionärer Politik. Dazu kam später in den 1880ern die massive Industrialisierung, die auch für eine starke Verarmung und Arbeitslosigkeit von Arbeitern, Handwerkern und Gewerbetreibenden sorgte, sodass viele sich gezwungen sahen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben ihre Heimat zu verlassen. Aber auch die Schifffahrtsunternehmen selbst hatten einen Anteil an der Auswanderungswelle: Sie schickten vermehrt Auswanderungs-Agenten durch die deutschen Länder, die auf Provisionsbasis Auswanderer anwarben und dubiose Versprechungen darüber machten, was nach der Ankunft angeblich auf sie wartete. Das Wohl der Passagiere wog da manchmal weniger, als die Aussicht, mit dem Transport der Auswanderer ein gutes Geschäft machen zu können. Die Briefe, die bereits ausgewanderte Verwandte und Bekannte in die Heimat schickten, und die Aussicht, in den Vereinigten Staaten oder Australien relativ kostengünstig ein eigenes Stück Land zu erhalten oder sein Glück beim Goldsuchen zu versuchen, taten ihr übriges.

Wer sich aber entschieden hatte, auszureisen, konnte dies nicht ohne Weiteres tun. Das Großherzogtum Hessen erlaubte 1820 die Auswanderung. 1818 gab es in Preußen hingegen zwar die Auswanderungsfreiheit, aber ab 1842 musste die Auswanderung behördlich bewilligt werden. Einige deutsche Staaten entschieden sich zeitweilig sogar, keine Pässe auszugeben, oder sogar Gesetze für die Verhinderung von Auswanderung in Kraft zu setzen. In den deutschen Staaten gab es zusätzlich eine gesetzliche Verpflichtung, sich für die Auswanderung eine behördliche Auswanderungserlaubnis einzuholen. Für die musste man sich regelrecht bewerben. Weitere Bedingungen für die Erlaubnis der Ausreise waren im Allgemeinen, dass man seinen Militärdienst geleistet hatte, nicht verschuldet und nicht vorbestraft war. Zudem verlor man mit der Auswanderung sein Heimatrecht und musste seine Besitztümer verkaufen. Der Müller durfte also jederzeit nach Herzenslust in seinem deutschen Kleinstaat wandern, aber für die Auswanderung eine Erlaubnis und einen Pass zu erhalten, konnte für ihn ein Ding der Unmöglichkeit sein.

Manch einer, der das nicht konnte, probierte es in dem großen Wunsch nach einem besseren Leben illegal und gab dafür einen anderen Namen oder ein anderes Alter an. Die Reedereien interessierte es hauptsächlich, dass die Passagekosten bezahlt und die Passagiere gesund waren.

Beliebte Ziele waren für legal wie illegal Ausreisende bis circa 1842 Bessarabien, in den 1840er und 1850er Jahren Australien, ab 1845 fortlaufend Nordamerika und ab den 1880er Jahren Südamerika (insbesondere Argentinien, Chile und Brasilien).

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