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Straßennamen: Geh ums Quadrat und beginne ein neues Leben!

Avatar of Heike Leiacker Heike Leiacker - 11. März 2017 - Allgemein, Wissen

Als Ahnenforscher haben wir immer wieder mit Adressen zu tun. Ein Thema, dem wir uns in diesem Blog bereits gewidmet haben und wieder widmen wollen. Gerade bei Adressen, an denen Personen vor vielen Jahren oder gar Jahrhunderten gelebt haben, kann es vorkommen, dass sich die Straßennamen in der Zwischenzeit geändert haben. Dann ist es unter Umständen notwendig herauszufinden, wie die Straße heute heißt. Mannheim ist dagegen ein gutes Beispiel dafür, dass auch ganz aktuelle Adressen Rätsel aufgeben können.

 

Überall Quadrate

So kann man beispielsweise auf die Adresse D4, 6 stoßen. Diese auf den ersten Blick ziemlich kryptisch anmutende Anschrift hat mit einer Mannheimer Besonderheit zu tun. Die Planstadt wurde ähnlich wie New York „schachbrettartig“ angelegt und in 144 Quadrate unterteilt. Diese sind allerdings meist nicht wirklich quadratisch sondern nehmen verschiedene viereckige Formen an, können abgerundet sein oder spitz zulaufen. Vereinzelt gibt es sogar Dreiecke.

Straßennamen sucht man im Innenstadtbereich nahezu vergeblich. Zwar werden manche Straßen zur besseren Orientierung umgangssprachlich mit Namen versehen, auf Straßenschildern findet man diese aber in der Regel nicht. Stattdessen gibt es eine Bezeichnung der jeweiligen Quadrate, also Häuserblöcke.

 

Bis ins Jahr 1684 hatten die Straßen ganz normale Namen, dann erfolgte eine systematische Durchnummerierung. Damals noch in Form von römischen Zahlen. Im 18. Jahrhundert wurden die Quadrate dann erstmals mit einer Kombination aus Buchstaben und Zahlen bezeichnet. Die heutige Systematik wurde 1811 eingeführt. Da sich die Innenstadt nicht nur in eine Richtung, sondern nach Westen und Osten immer weiter ausdehnte, musste eine in beide Richtungen erweiterbare Bezeichnung erfolgen.

Die Benennung der Quadrate erfolgte von Süden, also vom Schloss aus gesehen. In nördliche Richtung verläuft von dort die Kurpfalzstraße, die die Innenstadt in zwei Bereiche unterteilt. Vom Schloss aus gesehen links der Straße wurden den Quadraten die Buchstaben A bis K zugewiesen, rechts L bis U. Ein J gibt es nicht. Innerhalb dieser Reihen geben die Nummern der Quadrate den Abstand von der Kurpfalzstraße an, sie werden also nach außen immer höher. Die Nummerierung der Häuser erfolgt je nachdem, in welchen Quadraten man sich bewegt. Links vom Schloss wird von der jeweils dem Schloss zugewandten Ecke entgegen des Uhrzeigersinns gezählt, rechts im Uhrzeigersinn. Alles möglichst symmetrisch also.

Das bedeutet, die oben genannte Adresse befindet sich im Quadrat D4. Dieses liegt vom Schloss aus gesehen in der vierten Reihe links. Von der Kurpfalzstraße aus gesehen ist es das vierte Quadrat. Die 6 bezeichnet die Hausnummer. Um zu dieser zu gelangen, muss man von der dem Schloss zugewandten Ecke des Quadrats entgegen des Uhrzeigersinns laufen.

 

Wie für die Ahnenforschung gemacht

Ebenfalls in Mannheim kann es passieren, dass man im sich im Bus einer Haltestellenanzeige wie dieser gegenüber sieht:

 

Natürlich geht es hier um die untersten drei Haltestellennamen. Diese sind im Gegensatz zu dem vorherigen Beispiel sprechend. Das ist weniger verwirrend, dafür aber unter Umständen umso erheiternder. Man hat beim Betrachten fast das Gefühl, dass eine Geschichte erzählt wird. Die Lebensgeschichte eines Vorfahrens in Stichworten oder der Prozess der Ahnenforschung selbst: Über lange Strecken ist „Zäher Wille“ nötig, angesichts einer manchmal fast unmöglich erscheinenden Aufgabe. Wenn man endlich entscheidende Informationen findet, macht die Arbeit unglaublich viel Spaß. Und am Ende steht ein im übertragenen Sinne „Neues Leben“ mit Einblicken in die Geschichte unserer Vorfahren, die ein Puzzleteil unserer Identität ausmachen (oder in unserem Fall zumeist der Vorfahren und Identitäten unserer Kunden).

Tatsächlich ist diese Lesart gar nicht so verkehrt. Die Namen haben nämlich wirklich etwas mit einem Prozess zu tun – dem des Siedlungsbaus selbst. Die Speckwegsiedlung, in der sich die eigentümlichen Straßennamen finden lassen, entstand in den 1920er und 1930er Jahren. Es handelt sich um ein in nachbarschaftlicher Selbsthilfe erbautes Siedlungsprojekt, in dem Häuser mit großen Grundstücken zur Selbstversorgung im Umkreis nahegelegener Fabriken errichtet wurden. Die erste Straße wurde passenderweise „Kleiner Anfang“ genannt. Weiter ging es mit „Zäher Wille“ und „Große Ausdauer“. Es ging offenbar gut voran, denn es folgten ein „Guter Fortschritt“ sowie die „Frohe Arbeit“. Spätere Straßennamen verweisen beispielsweise auf die „Starke Hoffnung“, die mit der Siedlung verbunden war, ein „Neues Leben“ zu beginnen.

 

Spannende Straßennamen überall

Die Mannheimer scheinen ein besonders ausgeprägtes Talent für ausgefallene Adressen zu haben. Die Stadt ist aber nicht die einzige, die interessante Straßennamen zu bieten hat. Wir werden sicher im Laufe der Zeit noch über den einen oder anderen berichten.

Sind Sie bei der Ahnenforschung oder in ihrem Wohnort schon einmal auf etwas Vergleichbares gestoßen? Wir freuen uns über jede Geschichte, die Sie in den Kommentaren mit uns teilen!

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